Aktuelles

Wiens Polizeichef zu Einbruch-Boom

14. März 2011

Die Wiener Polizei kämpft weiter gegen die hohe Zahl an Wohnungseinbrüchem - zugleich boomt Taschendiebstahl. Landespolizeikommandant General Karl Mahrer im Interview.

Frage: Explodierende Zahlen bei Eigentumsdelikten waren im vergangenen Jahr das große Kriminalitätsthema. Nervt es Sie schön langsam, über Wohnungseinbrüche zu reden?

Karl Mahrer: Überhaupt nicht. Das Thema Einbruchskriminalität beschäftigt die Polizei deshalb so, weil es nicht nur ein Kriminalfall ist, sondern das subjektive Sicherheitsgefühl der Menschen besonders betrifft. Als wir im Jahr 2009 diese Steigerung hatten, war es nicht nur eine Steigerung der Kriminalität, sondern auch eine Beeinträchtigung des Sicherheitsgefühls in einer sehr massiven Form. Und darum haben wir auch alles investiert, um das Problem zu dämpfen und zu mindern. Das heißt, wenn wir organisierte Einbrechergruppen am Kopf erwischen, also dort, wo der Organisiertheitsgrad ansetzt, dann lassen die Einbrüche auch nach.

Frage: Bei der Präsentation der Kriminalstatistik 2010 haben die Bundesländer Rückgänge bei den Einbruchszahlen präsentiert, in Wien sind diese im November und Dezember 2010 neuerlich gestiegen. Warum gelingt es der Wiener Polizei nicht, die Einbruchszahlen niedrig zu halten?

Mahrer: Also zum Ersten muss man sagen, dass jede Deliktsform ein Auf und Ab hat. Darum warnen wir immer vor kurzfristigen Betrachtungen. Das, worum es uns geht, ist eine nachhaltige Bekämpfung der Einbruchs- und Eigentumskriminalität. Warum ist Wien so betroffen? Wien liegt an der Wohlstandskante. Wir müssen ganz klar aussprechen, dass die Einbruchskriminalität - speziell in Wohnräumen - ost- und südosteuropäische Organisiertheit hat. Das heißt, wir haben es kaum mit Einzeleinbrechern zu tun, sondern wir haben es meistens mit Mitgliedern organisierter Banden zu tun. Und da ist Wien die erste attraktive Anlaufstelle.

Frage: Wovor muss man sich in Wien derzeit fürchten?

Mahrer: Also, ich war vor Kurzem in Berlin beim europäischen Polizeikongress und kann das im internationalen Vergleich wirklich selbstbewusst sagen: Man muss sich in Wien vor nichts und niemanden strukturell fürchten. Man muss nur selbst achtsam sein und zwar gerade im Bereich einer Kriminalitätsform, die in einer Großstadt wie Wien und auch in anderen europäischen Großstädten boomt  - und das ist der Taschendiebstahl. Und da setzten wir auf das Wichtigste, nämlich die Prävention. So sind zum "133er- Award" auch Polizeibeamte nominiert, die durch ihr tagtägliches persönliches Engagement im Rahmen der Kriminalprävention, der Bevölkerung Mittel und Wege aufzuzeigen, wie sie verhindern können Opfer einer Straftat zu werden. Eine Polizei, die sich nur darüber identifiziert, dass sie Scherben aufklaubt, Täter festnimmt und ausforscht, ist eine visionslose Polizei. Beim Taschendiebstahl ist es so, dass Sie normalerweise nicht wissen, wann es passiert ist, wie es passiert ist und wie derjenige ausgeschaut hat, der es gemacht hat. Darum hat es die Polizei bei dieser Deliktsform so schwer: Denn, wenn Sie keinen Ermittlungsansatz haben, dann haben wir auch keinen. Und darum müssen wir darauf setzen, dass Taschendiebstähle erst gar nicht passieren.

Frage: Prävention ist also wichtig. Nun waren Sie vor zwei Jahren selber Einbruchsopfer. War Ihre Wohnung nicht gut genug gesichert?

Mahrer: Also ich habe in dieser Wohnung damals keine Alarmanlage gehabt. Das war sicher ein Lernprozess, zu beachten, dass nicht die Sicherheitstüre alleine zählt. Noch dazu, wenn es Wohnungen sind in Häusern - wie es sich dann in der Nachbetrachtung herausgestellt hat - die am Tag kaum bewohnt sind. Das heißt, die Einrichtung von Alarmanlagen ist sicher ein sehr probates Mittel. Wir stellen jedoch fest, dass viele, die Alarmanlagen einbauen, diese nicht aktivieren. Das heißt, wir propagieren nicht nur Alarmanlagen, sondern auch, diese zu aktivieren.

Frage: Im Bundesländervergleich ist die Aufklärungsquote in Wien am niedrigsten. Warum?

Mahrer: Das liegt am Phänomen der Massenkriminalität. Dort, wo es viele öffentliche Verkehrsmittel, Massenbereiche, Veranstaltungen, Christkindlmarkt, Donauinselfest, Einkaufsstraßen, Citybereiche gibt, wo es zu Massierungen von Publikum kommt, kommt es auch zu diesen Massendeliktsphänomenen. Diese Delikte, die in einer Großstadt vorkommen, sind von der Aufklärungsquote deshalb nicht leicht fassbar, weil der Ermittlungsansatz schon beim Opfer fehlt. Und wenn das Opfer schon nicht sagen kann, wann es war, wo es war und wer es war, also überhaupt kein Faden da ist, dann tut sich die Polizei schwer. Die Polizei am flachen Land hat ganz einfach andere Deliktsphänomene, wo Tat und Täter in einer viel näheren und personifizierbareren Verbindung zueinander sind. Aber: Seit 2006 haben wir die Aufklärungsquote deutlich gesteigert und sind heuer erstmals, seit es Aufzeichnungen gibt, bei 30 Prozent.

Frage: Sie haben vorher Berlin genannt, wo es diese Massendelikte genauso gibt. Die Aufklärungsquote ist in Berlin aber viel höher als in Wien. Woran liegt das?

Mahrer: Das liegt daran, weil man weder die Kriminalitätsform noch viel weniger die Zählung vergleichen kann. Zum Beispiel ist es dort so, wenn heute im Jahr 2011 Delikte aufgeklärt werden, die aus dem Jahr 2010, 2009 oder früher stammen, die Gesamtsumme dieser Delikte in das Jahr 2011 gerechnet wird, also in das Jahr, wo aufgeklärt worden ist. Und das bedeutet, dass es in manchen Deliktsgruppen sogar Aufklärungsquoten von über 100 Prozent gibt. Das ist eine völlig verschiedene Zählweise. Daher ganz klare Aussage: Alle Vergleiche mit internationalen Kriminalstatistiken halten nicht stand, weil sowohl in der Deliktsbezeichnung als auch in der Zählweise gravierende Unterschiede sind.

Frage: Was ist die Stärke der Wiener Polizei im Vergleich zur Polizei in ländlichen Gebieten?

Mahrer: Also, es gibt keine bessere und keine schlechtere Polizei. Die Polizei in Wien hat eine besondere Herausforderung, nämlich binnen weniger Minuten starke Personalstärken zum Einsatz zu bringen, in einer sehr flexiblen Form. Es gibt kein anderes Bundesland, bei dem etwa 10.000 Kundgebungen, Spontandemos, kleine und große Staatsbesuche, Veranstaltungen, Sportevents, Konzerte pro Jahr stattfinden. Während der Polizeiinspektions- Kommandant in Hermagor seinen Dienst relativ frei planen kann, wird er in Wien täglich von Ereignissen überrascht. Das ist die große Herausforderung der Wiener Polizei und daher ist es eine besonders herausfordernde und durchaus belastende Arbeit.

Frage: Wie schwer ist es für die Wiener Polizei, Nachwuchs zu finden?

Mahrer: Eigentlich nicht schwer. Und zwar deshalb, weil der Polizeiberuf an sich sehr attraktiv ist. Von den Zahlen her heißt das, wir können es uns in der Zwischenzeit leisten zu sagen, wir nehmen nur die Besten. Jeder Siebente besteht den Aufnahmetest und wird genommen.

Frage: Der Tiroler Landespolizeikommandant hat vor Kurzem in einem Interview gesagt, dass es in Tirol viel schwieriger ist Polizist zu werden als in Wien, weil in Wien bei der Aufnahmeprüfung weniger Punkte genügen.

Mahrer: Das kann ich so nicht bestätigen. Es ist natürlich so, dass es in Tirol viel weniger Aufnahmen gibt als in Wien. Und ich meine natürlich bei einer Anzahl von 450 Aufnahmen ist die Chance, genommen zu werden, größer. Aber, wenn heute bei einem Aufnahmetest nur jeder Siebente genommen wird, dann ist das glaube ich, eine Filterwirkung, die kaum ein Unternehmen in der Privatwirtschaft in dieser Ebene der Dienstversehung hat.

Frage: Dass der Test in Wien weniger streng ist, stimmt so also nicht?

Mahrer: Nein, es ist ein österreichweit gleiches System. Das was es in Tirol oder anderen Bundesländern schwieriger macht, ist, dass es weniger Aufnahmeplätze gibt.

Frage: Gibt es eigentlich genug Bewerber mit Migrationshintergrund?

Mahrer: Es kann nie genug geben, sagen wir es einmal so. Wir haben 2007 einen Migrantenanteil bei der Polizei von einem Prozent gehabt - bei 35 Prozent Migrantenanteil in der Bevölkerung Wiens. Und das ist, wenn man sagt, die Polizei soll ein Spiegelbild der Gesellschaft darstellen, jedenfalls optimierungsfähig. Unser Problem war gar nicht so sehr, ob die Migranten bei der Prüfung durchkommen oder nicht, sondern die Frage, warum sich die Migranten nicht für die Polizeiarbeit interessieren. Das lag an mehreren Dingen: Erstens, dass der soziale Stellenwert der Polizei in den Herkunftsländern ein völlig anderer ist, zweitens, dass die Menschen mit Migrationshintergrund vielfach überhaupt keine Ahnung hatten, was die Polizei ist, und drittens, dass sie eine Hemmschwelle hatten, bei der Polizei überhaupt anzufragen. Derzeit haben wir einen Migrantenanteil von sieben Prozent in der Ausbildung.

Frage: Warum braucht die Polizei Migranten?

Mahrer: Jeder Mensch, der andere kulturelle oder religiöse Einflüsse mit einbringen kann, ist gut für die Polizei. Was wir nicht wollen, auch im Gegensatz zu einigen deutschen Städten, ist eine Zwei- Klassen- Polizei. Jeder Mensch, der bei der Polizei aufgenommen werden will, braucht die österreichische Staatsbürgerschaft und geht durch den Test. Es gibt bei der Prüfung selber keine Bevorzugung. Es wäre ganz schlimm, wenn wir sagen würden, bei uns macht der Polizist mit Migrationshintergrund die Deutschprüfung nicht oder er bekommt mehr Punkte für kulturelle Erfahrung oder Ähnliches. Dann würden wir sofort eine Zwei- Klassen- Polizei haben. Das Zweite ist, wir wollen keine Multikulti- Polizei, etwa eine Gruppe türkischstämmiger Polizisten, die quasi in einem Auto fahren und gemeinsam irgendwelche Bereiche bestreifen. Denn Vielfalt heißt Mischung. Und durch die Vielfalt können wir auch erzeugen, dass die Hemmschwellen der Menschen mit Migrationshintergrund zur Polizei abgebaut werden, und wir können vor allem in der Polizei was verändern.

Frage: Am Sonntag wurde im Rahmen der Wiener Polizeigala der "133er- Award" verliehen. Wie wichtig ist dieses Event für Sie?

Mahrer: Dieses Event ist ganz wichtig. Award- Verleihungen stellen die Einzelleistung in den Mittelpunkt. Hinter jedem polizeilichen Erfolg gibt es immer einen, der die gute Idee hatte. Daher werden jährlich am 13. März (13.3. = 133, Anm.) als gemeinsame Initiative der Stadt Wien, der Wiener Polizei und der "Krone" diese Auszeichnungen verliehen. Awards gibt es in den Kategorien "NewcomerIn des Jahres", "Besondere Verdienste auf dem Gebiet der Prävention", "Besondere kriminalpolizeiliche Leistung", "Besondere Verdienste auf dem Gebiet der Menschenrechte und des Opferschutzes", "PolizistIn des Jahres" und "Das polizeiliche Lebenswerk".

Quelle: krone.at (14.3.2011)

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